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Ente:
Heute begrüße ich – wie immer unter Pseudonym – Prof. Dr. Klöbner (we/they) und Dr. Müller-Lüdenscheid (we/they) vom morgenjournal.eu, Spitzname dasMo. Sozusagen ein Heimspiel.
An dieser Stelle kurz der Hinweis: viele beim morgenjournal.eu entgendern auf a° für alle. Wir sind uns bewusst, dass das ebenso wenig perfekt ist, wie alle anderen Formen, es kommt aber von Herzen.
Zu unserem heutigen Thema:
Was ist ein Journal für neurodivergente Menschen?
Dr. Müller-Lüdenscheid:
Gute Frage.
Wir suchen selbst noch nach Antworten.
Prof. Dr. Klöbner:
Daher an dieser Stelle gleich eine Einladung an alle Lesa°:
Sag uns gerne, worüber du im morgenjournal sprechen oder lesen möchtest.
DMK:
Abgesehen davon, dass dasMo | morgenjournal.eu von neurodivergenten Menschen geplant wurde und geleitet wird, steckt das Thema Neurodivergenz in Details.
Neurodivergente und neurotypische Menschen sind sich ja in vielen Punkten sehr ähnlich. Typischerweise zwei Augen, zwei Ohren, zwei Arme, zwei Beine. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Daher sieht auch ein Journal für neurodivergente Menschen in vielen Punkten ganz typisch aus.
PDK:
Nehmen wir den Punkt Mitsprache.
dasMo | morgenjournal.eu ist nicht der einzige Kanal, über den du deine Meinung teilen kannst. Nahezu alle Medien animieren ihre Lesa° dazu, ihre Meinung zu sagen. Am liebsten unüberlegt.
Die meisten Medien erlauben allen alles mit allem zu kommentieren und bemühen sich hinterher, den größten Hass, die schlimmsten Drohungen und die strafrechtlich relevanten Lügen wieder zu löschen.
dasMo | morgenjournal.eu moderiert die Lesa°Meinungen von Anfang an. Veröffentlicht wird nur, was uns als Gesellschaft weiter bringt.
DMK:
Neurodivergente Menschen werden oft missverstanden, stellen ihr Licht untern Scheffel, formulieren zu vorsichtig. Unsere Redaktion hakt in solchen Fällen nach. Mitunter schreiben wir ein halbes Dutzend Emails mit den Lesan°, ehe eine Meinung veröffentlicht wird.
PDK:
Die Veröffentlichung kann unter Klarnamen, unter einem Pseudonym oder auch ganz anonym erfolgen.
Wir laden also auch alle die ein, die gerne mitreden möchten, dabei aber selbst im Hintergrund bleiben wollen. So machen wir aus der schweigenden Mitte eine schreibende Mitte.
Ente:
Thematisch ist dasMo | morgenjournal.eu also nicht auf Neurodivergenz beschränkt?
DMK:
Keineswegs. Das Fundament bilden die Bereiche Gesellschaft, Wirtschaft und Kunst. Wir geben dem Thema Neurodivergenz aber natürlich schon etwas mehr Raum als andere Medien. So bieten wir mit Tante Käthes Kummerkasten eine Ansprechstelle speziell für AuDHS-Kummer.
PDK:
Der größte Unterschied zu klassischen Medien ist unser Fokus auf Lösungen.
Wir hören in unserer neurodivergenten Bubble seit Jahren, wie wütend die Community über die ständigen Streitgespräche ist. Da wird gerne ein Gast° eingeladen, der fünfzig Jahre Forschung und die gesammelte Arbeit von zwei Millionen Wissenschaftlan° mitbringt. Ein Mensch, der tragfähige Lösungen vorstellt. Diesem Wissen wird dann das durch nichts begründete Bauchgefühl eines drittklassigen Politikas° gegenübergestellt, der munter hohle Phrasen drischt.
Je lauter der Streit wird, desto höher die Quote, desto mehr Klicks, desto größer die Chance viral zu gehen. Es ist mir also schon klar, warum das gemacht wird. Als Gesellschaft treten wir mit diesem Konzept aber seit Jahren auf der Stelle. Und das frustriert.
Ente:
Auf der Stelle treten wollen wir nicht länger. Soviel steht fest. Ganz ohne Streit kann es aber doch auch nicht gehen. Gerade neurodivergente Menschen eignen sich ja nicht für die Rolle der willenlosen Ja-Sager°. Braucht es also nicht doch Streitgespräche, um voranzukommen?
PDK:
Es braucht Gespräche. Ja. Es ist ganz klar, dass ein fruchtbares Gespräch unterschiedliche Perspektiven braucht. Aber doch bitte keine Grundsatzdiskussionen, ob die Erde rund ist.
Wir können gerne diskutieren, wann Solaranlagen und wann Windräder mehr Sinn ergeben. Wir können auch darüber sprechen, warum Gas-Kraftwerke sich kurzfristig als Brückentechnologie eignen. Was wir aber nicht infrage stellen, ist die Abkehr von fossilen Energieträgern. Wir bleiben auch beim Aus vom Atom-Strom.
DMK:
Ähnlich sehen wir es in der Wirtschaftspolitik.
Wir brauchen nicht einfach mehr Arbeit, wenn die Menschen sich davon nicht einmal die Miete leisten können. Wir brauchen ein #MenschFirst in der Wirtschaftspolitik.
Wir brauchen gute Jobs in Zukunftsbranchen.
PDK:
Wobei wir Zukunft gerade in Handwerk, Pflege, Logistik und Mobilität sehen. Branchen, die von der Politik seit Jahren geradezu sträflich vernachlässigt werden.
Damit sprechen wir jetzt aber ausdrücklich nicht für alle neurodivergenten Menschen. Wir sind im Team weitgehend rot-rot-grün eingestellt und tragen das auch ins Journal.
Ente:
dasMo | morgenjournal.eu als Journal für neurodivergente Menschen hat also die gleichen Themen wie neurotypische Medien, präsentiert sie aber anders. Kein Streit der Quote willen, keine künstlich kreierten Konflikte.
Wenn nicht für die Quote, wofür dann? Was ist euer Antrieb?
DMK:
Unser Nordstern, wie Vera F. Birkenbihl es so schön nannte, ist eine glückliche, gesunde und gerechte Welt. Auch wenn viele es nicht zugeben, weil es so warmduschend klingt, im Grunde ihres Herzens streben doch fast alle Menschen nach einer solchen Utopie. Ganz egal ob neurotypisch oder neurodivergent.
PDK:
In Europa sind wir sogar schon sehr weit. Für viele ist das glückliche, gesunde und gerechte Leben bereits Alltag. Aber es gibt eben auch Millionen Familien, deren Alltag von Sorgen bestimmt wird. In vielen Fällen muss man sagen: unnötigerweise.
Wir kennen ja Lösungen. Finnland ist zum Beispiel auf gutem Weg, die Obdachlosigkeit abzuschaffen.
Es fehlt bei uns vielfach nur der politische Wille.
DMK:
Und da schließt sich der Kreis. Der politische Wille fehlt, weil er künstlich auf populistischen Themen gehalten wird.
Wir genießen in Europa viele Freiheiten. Die Presse- und Gewerbefreiheit bringen uns jedoch gerade nicht weiter. Da würde eine Presse- und Gewerbe-Verantwortung vieles #bessermachen. Würden wir mehr über Lösungen sprechen, statt der Quote wegen Streit-Duelle inszenieren, wären unsere Löhne höher und die Lebenshaltungskosten niedriger. Städte und Gemeinden hätten solide finanzierte Konzepte gegen Hitze und Hochwasser. Handwerk und Pflege wären hoch angesehene Berufsgruppen.
Lauter vertane Chancen, weil die allgegenwärtige Quote die Menschen in Streit und Stillstand hält.
Ente:
Wie sieht dasMo | morgenjournal.eu seine Presseverantwortung?
PDK:
Wir fühlen uns verpflichtet, den Menschen erstmal eine Stimme zu geben.
Seit 80 Jahren wird in Deutschland darum gestritten, welches der richtige Weg ist. Dabei fragt schon lange keiner mehr – sorry, es wird wieder kitschig – wovon die Menschen träumen, was die Bürga° und Gäste° im Land sich wünschen.
Wir treten also primär an, um Träumen wieder einen Raum zu geben. Gerade weil drittklassige Politka° uns das Wünschen mittlerweile ganz explizit verbieten. Gerade weil man immer gleich ausgelacht oder verspottet wird, wenn man eine positive Zukunft beschreibt.
Daher haben wir mit der #Vision2028 einen digitalen Raum geschaffen, in dem wir alle über unsere Träume, Wünsche und Sehnsüchte sprechen können. Respektvoll. Geschützt. Sowohl offen als auch anonym. Halt so, wie jeda° sich wohlfühlt.
Ohne online Kommentar-Funktion, aber schon mit der Möglichkeit Feedback an die Redaktion zu schicken.
DML:
Das klingt jetzt verträumter als es ist.
Wir sind uns schon darüber im Klaren, dass drittklassige Politika° nicht plötzlich bessere Entscheidungen treffen, nur weil sie dasMo | morgenjournal.eu lesen können.
Deshalb schaffen wir neben dem einen großen Raum, in dem alle ihre Träume, Wünsche und Sehnsüchte vorstellen können, auch viele kleine Räume.
PDK:
Viele kleine, digitale Räume, in denen sich Menschen mit ganz ähnlichen Träumen, Menschen mit gemeinsamen Zielen, zusammenfinden.
Statt darüber zu diskutieren, welcher Weg der Richtige sein könnte, unterstützen wir die Menschen dabei, schnell und günstig möglichst viele Wege auszuprobieren.
Ente:
Wie kann ich mir diese Unterstützung vorstellen?
PDK:
Wir haben in den vergangenen Monaten eine eigene Infrastruktur aufgebaut. Kurz gesagt: Workshops, Mentoring und Mediation.
DML:
So werden Wünsche mal zu politischen Forderungen, mal zu einem Try-up und mal zu einem Kunstwerk, wie einer Karikatur oder einem Theaterstück.
PDK:
Was genau aus den Wünschen wird, ist dabei gar nicht so wichtig. Wer mitmacht, wird mächtig, ganz egal in welchem Format.
Ente:
Die Workshops, das Mentoring und die Mediation richten sich vorrangig an neurodivergente Menschen?
PDK:
Ja. Im Idealfall bringen wir Menschen zu Teams zusammen, die sich in ihren Schwächen und Stärken ergänzen. Was für die einen eine unüberwindbare Hürde ist, fällt anderen ja ganz leicht.
DML:
Wir unterteilen die neurotypischen Rollen und Aufgabenbereiche. Das ist jetzt ein lahmes Beispiel, aber wenn jemand ungern telefoniert, dann hinterfragen wir das nicht, sondern verstehen. Wir nerven nicht mit all den Floskeln von ‘Komfortzone verlassen’ oder ‘mehr anstrengen’, sondern finden andere Teilnehmende, die gerne telefonieren.
Ente:
Da ich ja letzten Monat in einem Workshop mitmachen durfte: Das klingt nicht nur paradiesisch, das macht echt gute Laune.
Für alle, die es auch mal ausprobieren wollen, fügen wir gleich noch den Pitch an.