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*tnd*bärbel*2101*

 

Die Frage

Eine Anhebung des Mindestlohns von 12,82 €/h auf 15 €/h erhöht die Lohnkosten um 17%. Eine Anhebung auf 18,50 €/h würde sie sogar um 45% erhöhen. Wie sollen Unternehmen im Mindestlohn-Sektor eine derartige Kostenexplosion kompensieren?

 

Die lange Antwort

Solange wir den Lohn als Kostenfaktor betrachten, werden wir keine Lösung finden. Wir wechseln also kurz die Perspektive und betrachten Lohn als Entgelt für Arbeit.

 

Menschen wollen von ihrer Arbeit leben. Klingt komisch, war aber schon immer so.

 

Von einer Vollzeitstelle zum Mindestlohn leben, wird immer schwieriger. Wohl denen, die einen alten Mietvertrag haben. Für viele bedeutet der Mindestlohn einen Verzicht. Verzicht auf Kino, Kneipe und Karibikurlaub. Verzicht auf Erholung. Verzicht auf Teilhabe. Verzicht auf Arztbesuche. Verzicht auf Medikamente. Verzicht auf Zahnersatz. Verzicht auf Geschenke. Verzicht auf Kultur. Verzicht auf Würde.

 

Was oft unter den Teppich gekehrt wird: Armut tötet. Es gibt viele Studien, die zum gleichen Ergebnis kommen: arme Männer sterben statistisch 10,8 Jahre früher als reiche Männer. Indem der Staat nicht tragfähige Geschäftsmodelle und deren Ausbeutung von Mitarbeitenden subventioniert, gefährdet er gleichzeitig die Gesundheit seiner Bürga°.

 

Viele sagen daher, ein Geschäft, welches keinen ordentlichen Lohn zahlen kann, beutet seine Mitarbeitenden aus.

 

Ein Unternehmer, der ein solches Geschäft leitet, muss nicht zwingend ein schlechter Mensch sein. Oftmals wurde vor Jahren, evtl. schon vor Jahrzehnten, eine Weiche falsch gesetzt. In der Regel, in dem man sich auf steigende Umsätze konzentriert hat (die sind leichter zu messen) und die Entwicklung der Rendite (die muss aufwendig errechnet werden, wird von vielen aber geschätzt und gefühlt) vernachlässigt wurde. Oftmals leiden Mitarbeitende und Unternehmer gleichermaßen, weil weder gerechte Löhne noch Gewinne erwirtschaftet werden.

 

Ein Staat, der unfähig ist, Mitarbeitende aus dem Mindestlohn-Sektor durch eine hochwertige Berufsberatung mit effektiven Fortbildungsmaßnahmen in bessere Berufe zu vermitteln, bietet Geld an. Sozialleistungen wie Miet-Zuschüsse, Übernahme von Strom- und Heizkosten, Befreiung von GEZ, kostenlose Kita-Plätze, Finanzierung eines PKW um zur Arbeit zu kommen, Finanzierung eines Führerscheins, u.ä.

 

Spätestens wenn drittklassige Politika° diese indirekte Subvention durch die Sozialleistungen kürzen, wenn die Mitarbeitenden mit ihrer Arbeit nicht einmal die Miete stemmen können, kündigen diese Mitarbeitenden.

 

Warum kündigen die nicht früher?

Die Mehrheit der Menschen – egal ob Chef oder Angestelltae° – haben Angst vor Veränderung. Doch irgendwann wird der Druck stärker als die Angst vor Veränderung.

 

Drohende Arbeitslosigkeit ist für viele eine besonders große Angst. Doch wenn die Menschen Angst vor Arbeitslosigkeit haben, hat der Staat versagt. Steuern und Sozialversicherungsabgeben werden ja genau für den Fall geleistet, dass man im Krisenfall einen starken Partner an seiner Seite hat. Wenn ein Staat sich dieser Verantwortung entzieht, wenn er, statt effektiv zu helfen, mit Kürzungen und Beschämungen Druck macht, wenn er alle Last zur Eigenverantwortung deklariert, dann ist das Politikversagen.

 

Dass man es #bessermachen kann, haben wir in der Corona-Krise erlebt. In der Gastro-Branche wurden hunderttausende von Mitarbeitenden auf die Straße gesetzt. Menschen, die von sich aus nicht den Mut gehabt hätten, zu kündigen.

 

Die große Mehrheit hat neue Jobs in neuen Branchen gefunden. Oft zu besseren Bedingungen wie geregelter Arbeitszeit, pünktlichem Lohn, mehr Lohn, besserem Betriebsklima.

 

Diese Chancen jenseits der Angst verschweigen Konservative gerne. Sie sehen Lohn als Kostenfaktor und bestehen auf einer Antwort, wie diese Kostensteigerung bei einer Anhebung des Mindestlohns abgefangen werden soll? Diese Kostenexplosion kann man ja nicht an die Kunden weitergeben. Es wird die Drohung in den Raum gestellt, mit einer Anhebung des Mindestlohns müssten die betreffenden Firmen samt und sonders schließen und Deutschland hätte 6,3 Millionen zusätzliche Arbeitslose.

 

Diese Drohung ist aber lebensfremd. Einerseits, weil Menschen nach einer Kündigung eben nicht still auf der Straße stehen bleiben. Andererseits, weil die staatliche Berufsberatung zwar ein gewaltiges Verbesserungspotenzial hat, aber in Kombination mit vielen privaten Anbietern schon heute vielen Arbeitssuchenden gute Jobs vermitteln kann.

 

Niemand kann allen Unternehmen im Mindestlohn-Sektor sagen, wie sie die Kostensteigerung durch eine Anhebung des Mindestlohns kompensieren können. Es gibt schlicht keine pauschale Lösung, keine pauschale Maßnahme.

 

Ein höherer Mindestlohn wird je nach Region und Branche ganz unterschiedliche Folgen haben. Hier einige Optionen (keine vollständige Liste), um ein Gefühl für die Dynamik zu vermitteln:

 

A) Firmen, in denen Lohndumping bisher zu hohen Gewinnen und Dividenden-Ausschüttungen führen, werden die Wertschöpfung gerechter verteilen und höhere Löhne zahlen.

 

B) Firmen, die auf wertigere Produkte/Dienste umstellen können, werden die Preise erhöhen.

Beispiel: Statt sich für die Reinigung von Schulen gegenseitig zu unterbieten, werden einige Reinigungsunternehmen sich auf die Reinigung von Banken, Flughäfen oder sensiblen Fertigungsbereichen verlagern, wo mehr Qualifikation, Sicherheitschecks u.ä. gefordert wird und die Auftraggeber höhere Preise zu zahlen bereit sind.

Beispiel: Satt vielen Familien das Putzen der Wohnung anzubieten, wird einem exklusiven Kreis ein Concierge-Service mit Einkauf, Blumendienst, Versorgung der Haustiere angeboten.

 

C) Einige Firmen werden die gesetzlichen Regeln zu umgehen versuchen. Hier muss der Staat kriminelle Strukturen identifizieren und unterbinden.

 

D) Firmen werden sich stärker mit Digitalisierung, Robotik, Optimierung von Betriebsabläufen, Optimierung von Arbeitsabläufen, Optimierung der Kapitallast, beschäftigen.

Steigende Personalkosten werden durch steigende Effektivität kompensiert. Oft entstehen dabei neue und bessere Produkte, wodurch auch Preise erhöht werden können.

Man muss aber auch die unbequeme Wahrheit ansprechen: Das heißt oft auch Personalabbau, den wir unter Punkt F weiter betrachten.

 

E) Einige Firmen werden noch mehr in Schwarzarbeit oder Scheinselbständig verlagern, von den Mitarbeitenden aber gedeckt werden, weil Arbeit und Vergütung in Balance stehen. Hier wird der Staat wenig machen können. Das Ziel ist aber ja auch nicht die völlige Überwachung und absolute Gerechtigkeit, sondern real bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für die breite Masse der Menschen.

 

F) Jetzt zu dem Punkt, den die Gegner eines höheren Mindestlohns als stärkstes Argument einsetzen. Ein unbequemer Punkt. Ein zutreffender Aspekt.

Viele Unternehmen aus dem Mindestlohn-Sektor werden schließen. Einige, weil sie ins Ausland abwandern. Andere, weil sie Pleite gehen. Das kann man weder schönreden noch unter den Teppich kehren.

Aber ein Unternehmen, welches seine Mitarbeitenden ausbeutet und/oder krank macht, hat kein Recht, geschützt oder subventioniert zu werden.

 

Was werden die entlassenen Mitarbeitenden in diesen Fällen machen?

 

F1) Manche Mitarbeitende werden schnell einen neuen Job zu besseren Konditionen finden. Die fragen sich dann hinterher: Warum habe ich nicht schon vor 15 Jahren gekündigt?

Ein höherer Mindestlohn wird kurzfristig höhere Löhne in allen anderen Sektoren nach sich ziehen. Darunter viele Geschäftsfelder, in denen der Lohn nur einen geringen Teil der Kosten darstellt und entsprechend leichter kompensiert werden kann.

Für Millionen von Menschen wird sich somit die Kaufkraft erhöhen, wodurch neue Geschäftsfelder und neue Arbeitsplätze entstehen.

 

F2) Manche Mitarbeitende werden sich die Lebensfragen stellen: Hat mich dieser Job überhaupt glücklich gemacht? Würde XYZ nicht viel besser zu mir passen? Die fassen dann den Mut und starten nochmal ganz neu durch. In den USA ist es gang und gäbe 15 verschiedene Berufe anzusammeln, sich wieder und wieder in neue Abenteuer zu stürzen. Mehr und mehr Deutsche machen nach einigen Jahren im ersten Job eine Umschuldung. Viele sind im neuen Beruf glücklicher.

 

F3) Manche Mitarbeitende werden von staatlichen oder privaten Stellen-Vermittlern in neue Arbeit vermittelt werden. Für viele Berufe können Mitarbeitende ohne formelle Umschulung intern qualifiziert werden.

 

F4) Manche Mitarbeitende werden den Wohnsitz wechseln.

 

F5) Manche Mitarbeitende werden auswandern.

 

F6) Manche Mitarbeitende werden sich selbständig machen.

 

F7) Viele Mitarbeitende werden einen starken Staat an ihrer Seite brauchen, der mit Geld und sowohl herzlicher als auch effektiver Beratung den Wechsel in einen neuen Beruf begleitet. Es ist ungerecht, Arbeitslosengeld auf wenige Monate zu begrenzen. Es ist verantwortungslos, ein “one-size-fits-all” Modell der Agentur für Arbeit zu betreiben. Wer den Menschen die Angst vor Arbeitslosigkeit nehmen will, muss individuell angepasste Beratung bieten.

Die Menschen brauchen keinen Druck zur Eigenverantwortung. Wer gut ist in Eigenverantwortung, arbeitet nicht im Niedriglohnsektor und wird nur selten arbeitslos.

Es sind gerade die Menschen, die zuletzt an sich denken, die in sozialen Berufen arbeiten, die mit ganzem Herzen bei der Arbeit sind, die ausgebeutet werden. Die brauchen keinen Druck, die brauchen effektive Unterstützung.

Das können sich Konservative nur selten vorstellen, aber die Mehrheit der Menschen will arbeiten. Allerdings halt schon in einem Job, der zu den eigenen Interessen passt, gerecht vergütet wird und in dem man wie ein Mensch behandelt wird.

 

Langer Antwort, kurzer Sinn:

Ein Geschäftsmodell, welches nicht in der Lage ist, jedes Jahr um 5% steigende Preise am Markt durchzusetzen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Ein Geschäftsmodell, welches auf der Ausbeutung der Mitarbeitenden basiert, hat kein Existenzrecht.

Menschen, die von Armut und Arbeitslosigkeit bedroht sind, brauchen keine Beschämung, keinen Druck und keine Mahnung zur Eigenverantwortung; sie brauchen Vertrauen in einen starken Staat und eine sowohl herzliche wie effektive Begleitung in würdevolle Arbeit.

 

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*tnd*bärbel*2101*b*

 

Argument gegen eine Erhöhung

45% des deutschen BIP fließen ins Ausland ab. Mehr Lohn würde somit mehr Kaufkraft ins Ausland verlagern.

 

Die Antwort darauf

Einerseits ergibt es nur begrenzt Sinn, Zahlen eines Systems (geringer Lohn, hohe Armut) zu nutzen, um gegen ein anderes System (erheblich höherer Lohn, mehr Wohlstand) zu argumentieren.

Dann wäre es sinnvoller, nur die Auslandszahlungen privater Haushalte zur Grundlage zu nehmen. Das sind nur etwa 12% des BIP.

Lohnsteigerungen im Mindestlohn-Sektor führen zu mehr lokalem Konsum. Kino, Kneipe, Camping-Urlaub. Konsum, auf den viele Menschen seit Jahren verzichten müssen.

 

Selbst mit dem Argument, 45% der Kaufkraft würden ins Ausland fließen, blieben noch immer 55% um die heimische Wirtschaft zu stärken.

Wenn sich die Kaufkraft von mehreren Millionen Bürgan° um 20% (Mindestlohn 15 €/h) oder 40% (Mindestlohn 18,50 €/h) oder auch nur 5% (Lohnsteigerungen bei bereits besser Verdienenden) erhöht, dann entstehen neue Geschäftsfelder, neue Geschäftsmodelle und neue Arbeitsplätze.

Ob die Kaufkraft unterm Strich zu 80%, 60% oder 40% im Land bleibt, kann niemand seriös vorhersagen, weil sich durch eine signifikante Lohnerhöhung auch viele weitere Parameter der Volkswirtschaft ändern.

 

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*tnd*bärbel*2101*c*

 

Argument gegen eine Erhöhung

Den Mindestlohn zu erhöhen bringt nichts, da jede Lohnerhöhung von Mieterhöhungen sofort wieder aufgezehrt wird.

 

Die Antwort darauf

Dieses Argument ist sehr zynisch und logisch nicht zu begründen.

 

Vermieter interessiert es nicht, ob die Mieter mehr Lohn erhalten. Mieten werden auf den maximal am Markt durchsetzbaren Betrag gesetzt. Wer sich das nicht leisten kann, muss ausziehen.

 

Anders gesagt: auch ohne eine Anhebung des Mindestlohns, werden die Mieten steigen.

 

Das Argument hat allerdings insofern einen wahren Kern, als Bund, Kommunen und alle Arbeitgeber ein zunehmendes Interesse haben, regulierend auf den Mietmarkt einzuwirken.

 

Arbeitgeber werden vermutlich bald Interessensgesellschaften bilden, um Werkswohnungen anzubieten. Einerseits um Fachkräfte ans Unternehmen zu binden, andererseits um den Mitarbeitenden trotz effektiv niedriger Löhne, mehr frei verfügbares Einkommen zu verschaffen.